Elektronische Kommunikationshilfen

 

Elektronische Kommunikationshilfen oder "Talker" haben die Verständigungsmöglichkeiten von Menschen mit Förderbedarf in "Unterstützter Kommunikation" immens erweitert und sind für viele unterstützt Sprechende zu einem unverzichtbaren Hilfsmittel geworden.

Wie die Computerbanche generell wird auch der Sektor der elektronischen Kommunikationshilfen immer unüberschaubar und unterliegt stetigem Wechsel.

Für den Laien wird es immer schwieriger, Möglichkeiten und Grenzen von elektronischen Kommunikationshilfen zu realisieren und die Einsatzmöglichkeiten und Effizienz eines konkreten Gerätes für einen konkreten potentiellen Nutzer einzuschätzen.

Bei der Auswahl des Gerätes und bei der anschließenden Einführung mit der zukünftigen Anwenderin müssen viele wichtige Gesichtspunkte bedacht werden. Hierzu möchte dieses Informationsblatt einige Punkte anreißen, die dann gemeinsam mit dem/der Betroffene/n, den TherapeutInnen, Bezugspersonen und VertreterInnen der Herstellerfirmen diskutiert und erprobt werden müssen.

Möglichkeiten mit einer elektronischen Kommunikationshilfe

Mit ihr soll der Benutzer ...

Bild: Talker mit SprüchenDurch die gewonnene Lautsprache soll der/die BenutzerIn einen höheren Grad an Selbständigkeit und Unabhängigkeit erreichen können, durch das Äußern von spontanen Gedanken etc. die eigene Persönlichkeit deutlicher zum Ausdruck bringen und entwickeln können. Die Nutzung von elektronischen Kommunikationshilfen ist für Benutzer mit den unterschiedlichsten intellektuellen und motorischen Fähigkeiten möglich. Viele Geräte lassen sich auch gut an die Bedürfnisse von Geistigbehinderten oder sehr stark Körperbehinderte anpassen. Entscheidend ist lediglich, dass bei der Auswahl der Kommunikationshilfe die Möglichkeiten des Anwenders heute und auch die sich vielleicht verändernden Fähigkeiten in Zukunft genau untersucht und berücksichtigt werden.

Es gibt mittlerweile ein großes Angebot solcher Kommunikationshilfen, so dass man sich vor der Entscheidung für ein Gerät ausführlich informieren und von Vertriebsfirmen unabhängigen Fachleuten beraten lassen sollte.

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Wichtige Fragen bei der Auswahl

Bedacht werden sollte:

Vielfalt des Angebotes der Kommunikationshilfen

Das große Angebot an elektronischen Kommunikationshilfen bietet zwei verschiedene Typen:

  1. Kompaktgeräte, die speziell als Sprech-Ersatz-Geräte entwickelt worden sind. In einem einzigen recht robusten und gut transportablen Gehäuse befinden sich alle Elektronikbausteine.
  2. Spezielle Software, meist für das Betriebssystem Windows, die mit einem handelüblichen Notebook oder auch mit speziellen Geräten oft mit Touchscreen benutzt werden.

In beiden Gruppen gibt es Geräte mit einer natürlichen und/oder einer synthetischen Sprachausgabe. Die natürliche Sprachausgabe ist eine menschliche "Leihstimme", die von einem Helfer mit einem Mikrophon aufgenommen wird. So kann der Anwender aber nur das sprechen, was vorher eingespeichert worden ist. Dafür ist diese Sprache sehr gut zu verstehen.

Im Gegensatz dazu steht die synthetische Sprachausgabe, die selbstständig Buchstaben in Sprachlaute umsetzt und wiederum zu Wörtern und Sätzen verbinden kann. In einem gewissen Umfang ist auch eine sinnvolle Betonung im Satz möglich. Diese Stimme ist deutlich als Computerstimme zu erkennen und klingt künstlich. Dafür können diese Geräte alles aussprechen, was man hineinschreibt, so dass viele Anwender damit unabhängig von HelferInnen ihre Gedanken äußern können und diese auch in die Geräte selbst einspeichern können.

In beiden Gruppen gibt es sowohl Geräte, die über Symbole oder Bilder bedient werden oder aber das Beherrschen der Schriftsprache von dem Anwender verlangen, sowie auch Geräte, die beide Möglichkeiten in Kombination zulassen.

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Ansteuerungsmöglichkeiten

Diese sind entscheidend für die Benutzung durch die Anwender. Hier gibt es in beiden Gruppen wiederum die Möglichkeit, das Gerät direkt über Tasten, die auch entsprechend den motorischen Möglichkeiten in der Größe gestaltet sein können oder den Touchscreen anzusteuern. Falls dies nicht möglich ist, kann der/die Benutzer/in das Gerät steuern, indem sie/er mit einem oder mehreren Schaltern einen laufenden Lichtpunkt zur gewünschten Taste lenkt. Weitere individuelle Anpassungen ermöglichen hier eine Ansteuerung eigentlich für jede/n Benutzer/in, die/der über irgendeine Körperbewegung verfügt, die sie/er willkürlich steuern kann.

Speicherinhalte

Bezüglich der speicherbaren Äußerungen gilt: Je mehr und je individueller sich jemand äußern möchte, umso mehr Einzelbausteine braucht er dazu. So passen nur wenige Sätze in unterschiedlichen Situationen gleich gut, einzelne Wörter dagegen sind universeller einsetzbar. Soll etwas erzählt oder erklärt werden, müssen sehr genaue und individuelle Formulierungen gewählt werden können. Für Benutzer, die schreiben können, könnte das Gerät dafür auch als sprechende Schreibmaschine benutzt werden. Dies ist aber auch eine Frage der Zeit, d.h. der Anderwender braucht sehr lange, bis er jeden einzelnen Buchstaben einer Aussage eingegeben hat. Sinnvoller sind da gespeicherte Bausteine (z. B. Wörter), die zu Aussagen zusammengesetzt werden können.

Der Umfang der zu speichernden möglichen Wörter, Sätze oder Satzteile ist abhängig von der Speicherkapazität des Gerätes. Hierbei erreichen einige der Geräte mit natürlicher Sprachausgabe recht schnell ihre Grenzen, während die synthetische Sprachausgabe nahezu unbegrenzte Möglichkeiten bietet.

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KodierungenBild: Verschiedene Kodierung

Die gespeicherten Wörter oder Sätze können unter bestimmten Tasten oder bei den meisten Geräten auch unter bestimmten Tastenkombinationen abgespeichert werden. Wenn unter einer Taste nur eine Aussage abgespeichert wird, ist der Anwender z.B. bei einem Gerät mit 32 Tasten sehr schnell am Ende seiner Ausdrucksmöglichkeiten und wird vielleicht schnell den Kommunikationswillen verlieren, wenn er merkt, dass für kaum eine Situation die richtige Aussage vorhanden ist. Bei Tastenkombinationen erhöht sich die Anzahl der möglichen Aussagen enorm (bei 32 Tasten mit der Nutzung von zwei Tasten in Kombination sind schon 1024 Aussagen möglich!). Falls die Anwender in der Lage sind, diese Möglichkeit zu nutzen, werden damit enorme Anforderungen an die Gedächtnisleistung gestellt.

Deshalb ist es für die Nutzung des Gerätes von entscheidender Bedeutung, wie die Speicherinhalte geordnet werden und welche Hilfen die Anwender haben, um sich zu merken, wie die einzelnen Wörter und Aussagen abzurufen sind.

Am einfachsten findet jemand eine Mitteilung, wenn jede Taste nur einer Aussage entspricht und diese Taste mit einem Bild oder Symbol gekennzeichnet ist, das einen Sinnzusammenhang zu der Mitteilung hat.

Andere Merkhilfen können logische Buchstaben und Zahlenkombinationen sein, die sich aber bei einer größeren Anzahl schwer einprägen lassen. Eine sinnvolle Methode, die mit kombinierbaren Tastenbelegungen arbeitet, ist die Minspeak-Kodierungs-Strategie. Die Tasten werden mit Bildern gekennzeichnet, die als "Eselsbrücken" das Gedächtnis unterstützen sollen. Hierbei sollen die Bilder bestimmte Assoziation auslösen und so in der Kombination miteinander an die gespeicherte Aussage erinnern. So könnte ein Apfel z.B. an alles, was mit Nahrung zu tun hat erinnern, so dass man alle Aussagen oder Wörter, die mit Nahrung zu tun haben mit der "Apfel"-Taste beginnen lässt, während die zweite Taste dann an ein genaueres Wort in diesem Themenbereich erinnert. Diese Methode eignet sich sowohl für intellektuell schwache wie auch für Menschen mit hohem intellektuellen und sprachlichen Niveau.

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Kontinuierliche Kommunikationsförderung

Auch wenn durch das differenzierte Angebot der verschiedenen Geräte auf dem Markt von der technischen Seite her eigentlich die meisten Probleme gelöst werden könnten, ist dennoch vor zu viel Euphorie zu warnen. Der Erfolg bei der Benutzung von elektronischen Kommunikationshilfen ist entscheidend auch von anderen Faktoren abhängig. Selbst wenn das Gerät mit sehr viel Sachverstand und Überlegung ausgewählt worden und die Ansteuerung optimal auf die Anwender abgestimmt ist, setzt der Erfolg nicht automatisch ein.

Von größter Bedeutung ist die Akzeptanz des Gerätes bei allen Bezugspersonen des Anwenders. Daneben muss bewusst sein, dass die Einarbeitung mit dem Gerät am besten im Rahmen einer systematischen und vor allem kontinuierlichen Kommunikationsförderung stattfindet. Oft ist der Weg zum wendigen Gebrauch der Kommunikationshilfe lang und sein Erfolg oder Misserfolg erheblich geprägt von den auf diesem Weg stattfindenden oder eben leider nicht möglichen Erfolgserlebnissen. Hier ist der Vergleich zum Erlernen einer Fremdsprache sicherlich angemessen, das ja auch viel Zeit und Übung in den unterschiedlichsten Situationen voraussetzt. Vor der Anschaffung des Gerätes muss abgesprochen werden, wer diese Kommunikationsförderung übernimmt und welche Personen sich in die Handhabung des Gerätes einweisen lassen und dies auch langfristig gewährleisten können. Alle Bezugspersonen müssen gemeinsam daran arbeiten, den Benutzer in den unterschiedlichsten sozialen Beziehungen möglichst viele Situationen erleben zu lassen, in denen die Kraft der Stimme erfahren werden kann.

Für den schulischen Bereich gilt: Kommunikationsförderung findet in erste Linie dort statt, wo auch Kommunikation stattfindet: im Klassenraum. Sie ist keine Form von Therapie, die an Spezialisten delegiert werden kann, sondern primär pädagogische Aufgabe des Klassenteams, das in interdisziplinärer Zusammenarbeit mit Ergotherapie, Krankengymnastik und Sprachtherapie Kommunikationsförderung in den Klassenunterricht integriert, zusätzöiche Einzel- und Kleingruppenförderung ermöglicht, Eltern mit einbezieht und den gesamten Förderprozess koordiniert.

Auch sollte darauf geachtet werden, dass neben der elektronischen Kommunikationshilfe ein nichttechnisches Hilfsmittel wie etwa eine Kommunikationstafel mit Symbolen und/ oder Buchstaben bzw. eine ?Papierversion" des Deckblattes zur Verfügung steht, da Elektronik immer einmal ausfallen kann.

ISAAC-Info zur Unterstützten Kommunikation
Stand: Januar 2002

Herausgeber: ISAAC - Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation e. V.,
Mitglied der International Society for Augmentative and Alternative Communication (ISAAC)
ISAAC - Geschäftsstelle, c/o Susanne Bünk, Pfarrer Dr. Hoffmann Str. 5a, 53343 Wachtberg-Adendorf,
Tel.:+49 (0)2225 9099317, Fax:+49 (0)2225 9099318, Email: geschaeftsstelle@isaac-online.de
Bankverbindung: Kto.Nr. 1012475 Kreissparkasse Waldeck BLZ 523 500 05

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www.ISAAC-online.de

Jan Müskens - 13/10/2002