Der Einbezug von Patienten in Therapieentscheidungen wird aus ethischen Gründen seit Jahren zunehmend mehr gefordert. In angloamerikanischen Ländern sind ärztliche Kommunikationstechniken wie auch Instrumente, die Patienten darin unterstützen, ihre eigenen Wertvorstellungen in die Therapieentscheidungen einzubringen (z. B. sogenannte Entscheidungshilfen oder Decision Aids), bereits häufiger in Anwen-dung. In der Behandlung chronischer Erkrankungen gehört die Adherence (Therapietreue) zur Grundvoraussetzung einer erfolgreichen Langzeitbehandlung. Der neue Begriff der Adherence ersetzt hierbei den vormals verwendeten Begriff der Compliance 1. Dieser beschrieb das Patientenverhalten einseitig aus Sicht des Arztes. Die Adherence hingegen sieht Therapietreue als ein Ergebnis einer gemeinsamen Interaktion zwischen Arzt und Patient.
Doch wie weit kann die partizipative Entscheidungsfindung (sog. Shared Decision Making) gehen? Kann z. B. dem hoch-druckkranken Patienten (und dem Arzt) zugemutet werden, komplexe medizinische Entscheidungen zu erfassen (bzw. diese transparent zu machen)?
Ein Modellprojekt, welches von dem Institut für Präventive Medizin der Universität Erlangen-Nürnberg (IPM) in Kooperation mit dem Bundesgesundheitsministerium durchgeführt wurde, untersuchte 2 Jahre lang mögliche Umsetzungsstrategien und Ergebnisse des Shared Decision Making in der ambulanten Behandlung des Bluthochdrucks. Die Ergebnisse sollen hier überblickartig dargestellt werden:
In dem Projekt „Partnerschaftliche Entscheidungsfindung in der Behandlung der arteriellen Hypertonie” nahmen 15 Hausärzte aus dem Nürnberger Raum und 62 ihrer Bluthochdruckpatienten in der Studiengruppe teil. Als Kontrollgruppe dienten 69 Patienten, die aus der „Modularen Bluthochdruckschulung IPM” 2 rekrutiert wurden. Die Studienärzte nahmen an einem mehrtägigen Kommunikationstraining teil, in dem das Konzept des SDM und Gesprächstechniken hierzu erläu-tert und geübt wurden. Sowohl Studien- als auch Kontrollpatienten nahmen an der „Modularen Bluthochdruckschulung IPM” teil. Die Kontrollpatienten erhielten die Standardbehandlung, wohingegen die Studienpatienten und ihre Ärzte sich zu insgesamt 6 sogenannten Entscheidungs-Gesprächen zur weiteren Therapie trafen.
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Als Hauptparameter evaluiert wurden die Blutdrucksenkung in der Selbst- und Praxismessung, das Shared Decision Making, Patientenpräferenzen zur Information und Entscheidungsfindung, die Zufriedenheit, die Lebensqualität und das Gesundheitsverhalten der Patienten3.
Folgende der wichtigsten Ergebnisse lassen sich nach einem Jahr darstellen:
Der Blutdruck wurde in der Selbstmessung in der Studiengruppe mit -9,26 ± 10,2 / -5,33 ± 9,5 mm Hg (p < 0,05) gesenkt, etwas geringer in der Kontrollgruppe -6,0 ± 11,8 / -3 ± 8,3 mm Hg (p < 0,05). Dies war jedoch nicht signifikant unterschiedlich zwischen den Gruppen.
In der Studiengruppe nimmt die Anzahl an eingenommenen antihypertensiven Wirkstoffen in einem Jahr signifikant mehr zu als in der Kontrollgruppe mit + 0,61 ± 0,97 zu 0,17 ± 0,93 (p = 0,022).
Studienärzte und -patienten erlebten die Entscheidungsfindung zu allen Untersuchungszeitpunkten signifikant partizipativer als die der Kontrollgruppe. In beiden Patientengruppen nimmt die Einschätzung der Partnerschaftlichkeit im medizinischen Entscheidungsprozess im Projektzeitraum signifikant zu.
Die Interpretation dieser Ergebnisse legt einen Effekt des SDM – für Patienten, die dies wünschen, und Ärzte, die dazu bereit sind, in Kombination mit der "Bluthochdruckschulung IPM" – auf eine verbesserte Blutdrucksenkung und Adherence nahe.
Die Effekte der Zunahme an SDM in der Kontrollgruppe lassen sich auf die Teilnahme an der „Modularen Bluthoch-druckschulung IPM” zurückführen, die kürzlich die Akkreditierung durch das BVA zur Aufnahme in DMPs erhalten hat. Diese interaktive Schulung berücksichtigt Patienteninteressen, da die individuelle Auswahl von einzelnen Modulen möglich ist.
Trotz anfänglicher Skepsis bei den Studienärzten bezüglich der Umsetzbarkeit der partizipativen Entscheidungsfindung, machten diese die positive Erfahrung, dass es möglich (und teilweise entlastend) ist, die Verantwortung für Therapieentscheidungen bewusst mit Patienten zu teilen.
Weitere Informationen zu dem Modellprojekt und der „Modularen Bluthochdruckschulung IPM” unter www.ipm-aktuell.de und www.patient-als partner.de.
Anja Deinzer/Roland Schmieder, Nürnberg |