Die Präeklampsie ist eine schwangerschaftsspezifische Erkrankung, die durch das erstmalige Auftreten von arterieller Hypertonie und Proteinurie nach der 20. Schwangerschaftswoche charakterisiert ist. Die schwersten Formen der Präeklampsie gehen mit Konvulsionen (Eklampsie) oder einem HELLP-Syndrom (hämolytische Anämie, Leberenzymanstieg und Thrombozytopenie) einher. Die Präeklampsie ist seit vielen Jahren unverändert eine der häufigsten Ursachen für mütterliche und neonatale Morbidität und Mortalität. Die Ergebnisse bisheriger Behandlungsmöglichkeiten sind enttäuschend. Symptomatische Blutdrucksenkung und antikonvulsive Medikamente konnten die kindliche Prognose nicht verbessern. Die einzig mögliche kausale Therapie ist die Beendigung der Schwangerschaft, die jedoch bei einem Auftreten der Präeklampsie vor der 30. SSW mit einer deutlichen Minderung der kindlichen Überlebenschancen verbunden ist.
Wallukat et al.1 haben bei Patientinnen mit Präeklampsie einen aktivierenden Autoantikörper gegen den Angiotensin1-Rezeptor festgestellt, den wir bei gesunden Schwangeren nicht nachweisen können. Es konnte gezeigt werden, dass der Autoantikörper an den 2. extrazellulären Loops des AT1-Rezeptors direkt bindet und den Rezeptor aktiviert. Über eine spezifische Säule, die die Sequenz des 2. extrazellulären Loops als Peptid trägt, sind wir in der Lage, die Autoantikörper gegen den AT1-Rezeptor spezifisch zu isolieren und deren Effekte in-vitro und in-vivo zu untersuchen.
Diese in-vitro Effekte der über die spezifische Säule gereinigten Autoantikörper (AT1-AA) haben wir an Trophoblasten und glatten Muskelzellen untersucht und begonnen, in-vitro mögliche relevante Signaltransduktionswege aufzuzeigen, die in der Pathophysioiogie der Präeklampsie eine wichtige Rolle spielen könnten2. Wir konnten zeigen, dass AT1-AA in glatten Gefäßmuskeizellen und in Trophoblastzellen in-vitro die Generation von reaktiven Sauerstoffmetaboliten (ROS) induzieren und dass dieser Prozess über die NADPH-Oxidase vermittelt ist3. Auch konnten wir zeigen, dass die Expression der NADPH-Oxidase durch den AT1-AA induziert wird. Als wichtigen redox-regulierten nukleären Transkriptionsfaktor,
der Inflammation, aber auch Apoptose und Proliferation reguliert, haben wir NF-kB in beiden Zelltypen untersucht. AT1-AA induzieren in beiden Zellarten NF-kB.
Ebenso ist die Aktivierung des Transkriptionsfaktors NF-kB eine wichtige, mögliche Ursache, dass eine chronische vaskuläre Entzündungsreaktion imitiert und unterhalten wird.
In der Tat weisen präeklamptische Plazenten eine stärkere Produktion von ROS und eine vermehrte Expression der NADPH-Oxidase auf als gesunde Kontrollplazenten. Zusammenfassend lassen sich interessante und potentiell wichtige in vitro-Effekte der gereinigten Autoantikörper an primären humanen Gefäßmuskelzellen und Trophoblasten aufzeigen. Diese beinhalten die intrazelluläre Sauerstofffreisetzung, die Aktivierung der NADPH-Oxidase und die konsekutive Aktivierung des Transkriptionsfaktors NF-kB. Diese Effekte sind in der Präeklampsie untersucht worden. Dabei haben wir gefunden, dass in der präeklamptischen Plazenta Sauerstoffradikale, NADPH-Oxidase und NF-kB im Vergleich zur gesunden Plazenta deutlich erhöht sind. Diese Ergebnisse unterstützen die Hypothese, dass die Autoantikörper gegen den AT1-Rezeptor in die Pathophysiologie der Präeklampsie involviert sein können.
Die klinische Relevanz der Autoantikörper gegen AT1-Rezeptoren wird zur Zeit untersucht. Das Ziel ist es, Behandlungsmöglichkeiten zur Verlängerung der Schwangerschaft, insbesondere unter dem Aspekt der Verbesserung der kindlichen Prognose beim Auftreten der Präeklampsie vor der 30. Schwangerschaftswoche, zu entwickeln. Vorstellbar sind Strategien zur Entfernung der Autoantikörper, wie Blutauswaschverfahren, die Plasmapharese oder spezifische Immunadsorption; die Anwendung von Glukocorticoiden zur Suppression des Antikörpereffektes. Die vom Wirkmechanismus sich anbietende Anwendung von AT1-RezeptorAntagonisten ist in der Schwangerschaft streng kontraindiziert, wäre aber bei postpartalen Formen der Präeklampsie und des HELLP-Syndroms ebenfalls denkbar.
Ralf Dechend, Berlin
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| Literatur: 1. Wallukat D, Neichel D, Nissen E, Hohmuth V, and Luft FC (2003) Agonistic autoantibodies directed against the angiotensin II AT1 receptor in patients with preeclampsia. Can J Physiol Pharmacol 81: 79–83 [Pubmed Abstract] [Abstract]
2. Dechend R, Homuth V, Wallukat G, et al. (2000) AT1 Receptor Agonistic Antibodies From Preeclamptic Patients Cause Vascular Cells to Express Tissue Factor. Circulation 101(20): 2382–2387 [Full text]
3. Dechend R, (2003) AT1 Receptor Agonistic Antibodies From Preeclamptic Patients Stimulate NADPH Oxidase. Circulation 107(12): 1632–1639 [Abstract] |