Journal by FaxMANAGEMENT HYPERTONIE
JOURNAL BY FAX

Ein Projekt des Herz-Kreislauf-Telefons der Hochdruckliga
mit Unterstützung von Servier Deutschland GmbH

Wissenschaftlicher Beirat: G. Bönner, H.-D. Faulhaber, M. Middeke, R. Schmieder, P. Stolte

7. Jahrgang 2007; Nr. 6


Stress und Bluthochdruck

Die Wahrscheinlichkeit einer kardiovaskularen Krankheitsmanifestation steigt zwar mit dem Schweregrad der Hypertonie deutlich an, aber bereits bei leicht über der Norm liegenden Blutdruck (RR)-Werten ist das relative Risiko einer Neuerkrankung signifikant erhöht. Angesichts der Verteilungskurve von RR-Werten in der Bevölkerung ist es daher präventivmedizinisch bedeutsam, Bedingungen zu erkennen und zu beeinflussen, die zu wiederkehrend leichten RR-Anstiegen im Alltagsleben führen. Hierzu zählen u. a. chronische Stressreaktionen, d.h. Aktivierungen des autonomen Nervensystems in Situationen wiederkehrender bedrohlicher Herausforderungen. Mit jeder sympathoadrenergen Aktivierung geht ein RR-Anstieg und eine erhöhte Herzrate einher. Während experimentell durchgeführte mentale Stresstests (z. B. in Form von Rechenaufgaben oder Farb-Wortwahl-Konfliktaufgaben) zu akuten RR-Anstiegen um 20 bis 30% führen1, stellt sich die Frage nach der Übertragbarkeit solcher Befunde auf Alltagssituationen. Diesbezügliche Fortschritte sind in den vergangenen Jahren durch zwei Entwicklungen erzielt worden, erstens durch die Einführung der ambulanten 24-Stunden RR-Messung, die insbesondere den Verlauf während und nach der beruflichen Arbeit dokumentiert. Zweitens ist es gelungen, anhand theoretischer Modelle jene Aspekte von Dauerstress im Berufsalltag zu identifizieren, welche die kardiovaskuläre Gesundheit langfristig schädigen. Dies trifft vor allem für zwei in der internationalen Forschung führende Modelle zu, das Anforderungs-Kontroll-Modell ('job strain') und das Modell beruflicher Gratifikationskrisen2, Ersteres definiert beruflichen Stress als Ergebnis der Exposition gegenüber Arbeitsaufgaben, die durch eine Kombination von hoher Anforderung (vor allem Zeitdruck) und geringem Entscheidungs- und Kontrollspielraum gekennzeichnet sind. Das zweite Modell identifiziert Dauerstress im Beruf als Folge eines Ungleichgewichts zwischen hoher Verausgabung und nicht angemessener (niedriger bzw. fehlender) Belohnung, wobei neben Geld auch Aufstiegschancen und Arbeitsplatzsicherheit sowie erfahrene Anerkennung und Wertschätzung zu den Belohnungen zählen. Für beide Modelle ist in Studien mit ambulanten RR-Messungen gezeigt worden, dass stressbelastete Beschäftigte signifikant höhere systolische und, weniger ausge-

prägt, diastalische RR-Werte während der Arbeit aufweisen als nicht belastete Beschäftigte Die Mittelwertsdifferenzen des systolischen Blutdrucks schwanken zwischen 3 und 9 mm Hg und sind in der Regel bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen3. Ebenso zeigt sich bei Belasteten eine längere Erholungsphase nach der Arbeit. Einzelne Studien bei Frauen belegen zudem einen RR-steigernden Effekt kombinierter beruflicher und familiärer Belastungen. Gegenwärtig liegen erst wenige Befunde aus Längsschnittstudien vor, die ein erhöhtes Risiko manifester Hypertonieentwicklung bei Beschäftigten mit chronischem beruflichen Stress nachweisen. Für das 'job strain'-Modell beträgt nach einer neuen Studie das relative Risiko für Männer 1.3.4. In Anbetracht der Tatsache, dass chronische berufliche Stressbelastungen in Form von 'job strain' und beruflichen Gratifikationskrisen je nach Erwerbssektor bei 10 bis 30 % der Beschäftigten festgestellt werden und angesichts einer hohen Prävalenz der Hypertonie im Erwerbsalter, ergeben sich aus diesen neuen Erkenntnissen praktische Folgerungen für Diagnostik, Prävention und Therapie. Aus sozialund verhaltenswissenschaftlicher Sicht stehen dabei folgende Empfehlungen an Ärzte im Vordergrund: 1. Verbessertes ärztliches Screening in der Prävention und Therapie der Hypertonie durch anamnestische Abklärung von Dauerstress im Alltagsleben, insbesondere in Form von 'job strain' und beruflichen Gratifikationskrisen. Hierzu liegen Hinweise in der Leitlinie zur primären Prävention der koronaren Herzkrankheit durch die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie vor. 2. Bei Verdacht auf Vorliegen entsprechender Belastungen gezielter Einsatz ambulanter RR-Messungen. 3. Intensivierte Beratung in der Arzt-Patient-Beziehung mit dem Ziel, Problembewusstsein und Änderungsbereitschaft bei Patienten zu wecken, personale Bewältigungsressourcen in Form von Stressmanagement zu stärken und ggf. weitere Experten (z.B. Psychologen, Sozialarbeiter, Sporttherapeuten, Ernährungsberater) an der Aufgabe zu beteiligen, kardiavaskuläre Gesundheit durch Prävention, Therapie und Adhärenz zu erhalten und zu verbessern.

Prof. Dr. Johannes Siegrist, Düsseldorf

Literatur: 1. Stansfeld SA 2. Schnall PL et al. (2000) The work place and cardiovascular disease. Occupational Medicine: State of the Art Reviews 15, 1-334 3. Steptoe A (2006) Psychobiological Processes linking Sco-Economic Positin with Health. In: Siegrist J, Mamot M (eds.) Social Inequalties in Health (pp. 101-126) Oxford University Press, Oxford 4. Guimont C et al. (2006) Effects of job strain on blood pressure: a prospective study of male and female white-collar workers. Am J Publ Health 96: 1436-43 [Abstract]
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