Merkblatt   Hochdruck in der
Schwangerschaft
und während der
Stillperiode*
4. Auflage - Oktober 1999

Wiedergabe auch auszugsweise nur mit Genehmigung der Hochdruckliga

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Deutsche Liga zur Bekämpfung
des hohen Blutdruckes e.V.
Deutsche Hypertonie Gesellschaft
Postfach 10 20 40
69010 Heidelberg





* In Zusammenarbeit mit der Deutschen Sektion der International Society
for the Study of Hypertension in Pregnancy und der
Beratungsstelle für Vergiftungserscheinungen und Embryonaltoxikologie, Berlin

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Inhaltsverzeichnis

Hochdruck in der Schwangerschaft und während der Stillperiode

Eine krankhafte Blutdrucksteigerung tritt bei etwa 10 % aller Schwangeren und bei 15% der Erstgebärenden auf. Es lassen sich verschiedene Hochdruckformen unterscheiden.

  1. Schwangerschaftsbedingte Hypertonie
    • ohne Proteinurie: Gestationshypertonie
    • mit Proteinurie: Präeklampsie, synonym Gestose
      Genuine Präeklampsie/Gestose
      Pfropfgestose (eng). superimposed preeclampsia; aufgepfropft auf eine chronische Hypertonie, Nephropathie oder Kollagenose)
  2. Schwangerschaftsunabhängige (vorbestehende) Hypertonie
    • chronische Hypertonie
      primäre (essentielle) Hypertonie
      sekundäre Hypertonie (renal, endokrin u. a.).

Bei der Präeklampsie/Gestose handelt es sich um eine ernste, allgemein erst nach der 20. Schwangerschaftswoche auftretende Erkrankung (Tab. 1).

Tabelle 1: Erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer Präeklampsie/Eklampsie

  • familiäre Belastung (Präeklampsie/Eklampsie bei Mutter und/oder Schwester)
  • Präeklampsie/Eklampsie in früherer Schwangerschaft
  • Mehrlingsschwangerschaft
  • fetale Wachstumsretardierung
  • chronische Hypertonie Nierenerkrankung
  • Diabetes mellitus
  • Lupus erythematodes

Gestationshypertonie und genuine Gestose treten fast ausnahmslos nur bei Erstgebärenden auf, eine Pfropfgestose kann sich auf eine präexistente Hochdruck- oder Nierenkrankheit aufpfropfen (siehe auch Tab. 1). Die Präeklampsie/Gestose ist gekennzeichnet durch

  • Blutdrucksteigerung
  • Proteinurie und häufig
  • rasch zunehmende generalisierte Ödembildung.

Darüber hinaus können weitere Organschädigungen auftreten, wie Anstieg der Leberenzyme, Thrombopenie, retinale Blutungen und Nierenfunktionsstörungen. In den schwersten Fällen kann sich eine disseminierte intravasale Gerinnung (DIC = disseminated intravascular coagulation), ein akutes Nierenversagen (HUS = Hämolytisch-urämisches Syndrom), eine mikroangiopathische hämolytische Anämie bzw. ein HELLP- Syndrom (HELLP = hemolysis, elevated liver enzymes, low platelets) entwickeln. Es besteht darüber hinaus die Gefahr der Entwicklung einer Eklampsie mit generalisierten Konvulsionen. Bei schwerer Präeklampsie liegt häufig eine irreversible Beeinträchtigung der uteroplazentaren Durchblutung mit intrauteriner Wachstumsretardierung vor. Die Hypertonie ist bei der Präeklampsie nur ein begleitendes Symptom einer durch allgemeinen Vasospasmus und Hämokonzentration gekennzeichneten Krankheit.

Pathogenetisch spielt dabei eine vaskuläre Endotheldysfunktion eine wesentliche Rolle. Eine antihypertensive Therapie kann lediglich palliativ Schaden von der Mutter abwenden. Es gibt keinen sicheren Anhaltspunkt dafür, daß durch eine antihypertensive Therapie in dieser Situation die Prognose des Feten verbessert werden könnte. Die einzige kausale therapeutische Maßnahme ist die Entbindung. Der antihypertensiven Behandlung kann aber durchaus große Bedeutung zukommen, wenn die Entbindung wegen extremer Unreife des Feten noch nicht vorgenommen werden kann.

Die Gestationshypertonie ist im allgemeinen an das dritte Trimenon gebunden und klingt meist innerhalb von 7 Tagen, spätestens innerhalb von 6 Wochen nach der Entbindung wieder ab. Sie hat häufig nur geringe Bedeutung für den Schwangerschaftsverlauf, kann aber auch das erste Symptom einer sich entwickelnden Präeklampsie sein. Ihr kommt eine hohe prognostische Aussagekraft für die spätere Entwicklung einer primären Hypertonie zu, insbesondere wenn sie bei Zweit- oder Mehrgebärenden auftritt.

Die schwangerschaftsunabhängigen Hochdruckformen können bereits vor der Gravidität bekannt sein oder sich jederzeit während ihres Velaufs manifestieren. Sie beeinträchtigen die Prognose im allgemeinen nur dann, wenn gleichzeitig eine Niereninsuffizienz mit einem Serumkreatininwert über 1,5 mg/dl vorliegt. Dann allerdings ist die Aussicht vermindert, die Schwangerschaft erfolgreich auszutragen, und die Gefahr der Entwicklung von Schwangerschaftskomplikationen, vor allem einer bedrohlichen Progredienz der Niereninsuffizienz, ist sehr groß. Die besondere Bedeutung der schwangerschaftsunabhängigen Hochdruckformen ist, daß sie eine Pfropfgestose auslösen können. Dies stellt das höchste Risiko für perinatale Mortalität aller hypertensiven Komplikationen der Schwangerschaft dar. Die Therapie dient der Verhinderung kardiovaskulärer Hochdruckkomplikationen bei der Mutter. Dabei sollte die fetale Entwicklung nicht beeinträchtigt werden, z. B. durch eine abrupte oder zu starke medikamentöse Blutdrucksenkung. Wenn möglich, sollte die Ursache der Blutdrucksteigerung beseitigt und damit die Entstehung einer Pfropfgestose verhindert werden.

Bedeutung des Hochdrucks in der Schwangerschaft

  1. Bei der Mutter kann es bei Blutdruckwerten oberhalb 170-180/110 mm Hg zu hypertensiven kardiovaskulären Komplikationen kommen, wie sie in gleicher Weise auch außerhalb der Schwangerschaft auftreten. Bei der Präeklampsie/Gestose besteht die Gefahr einer Eklampsie, eines HUS- oder eines HELLP-Syndroms, die zu tödlichen zerebralen Blutungen, einer Leberruptur und/oder schweren Gerinnungsstörungen führen können.
  2. Beim Feten kann es zu einer Wachstumsretardierung kommen. Diese ist besonders ausgeprägt, wenn die Mutter an einer Niereninsuffizienz mit einem Serumkreatinin über 1,5 mg/dl leidet oder wenn sich eine schwere Gestose entwickelt. Die perinatale Mortalität und Morbidität ist dann erhöht, vor allem bei der Pfropfgestose. Ein erhebliches, aber nicht zu umgehendes Risiko für den Feten stellt auch die aus einer vorzeitigen Entbindung resultierende Frühgeburtlichkeit dar.

Messung und Bewertung des Blutdrucks in der Schwangerschaft

  1. Der Blutdruck sollte im Sitzen gemessen werden (im Liegen kann der Blutdruck niedriger sein). Der diastolische Wert wird beim Aufhören der Korotkoff-Geräusche (Phase V) bestimmt. Von der bisherigen Empfehlung, auf Grund der hämodynamischen Besonderheiten in der Schwangerschaft die Korotkoff-Phase IV für die Bestimmung des diastolischer Wertes zu verwenden, wurde Abstand genommen. Grund dafür ist die schwierigere Erfassung und größere Meßschwankungsbreite der Phase IV, d. h. eine größere Inter- und Intra-Observer-Variabilität.
  2. Bei der Entwicklung einer Präeklampsie kommt es zur Abschwächung oder Umkehr des zirkadianen Blutdruckrhythmus mit abendlichen und nächtlichen Drucksteigerungen. Morgens gemessene Werte sind häufig niedriger und nicht repräsentativ für die vorliegende Risikokonstellation. Für eine frühzeitige Erkennung ist die Blutdruckselbstmessung hilfreich. In manchen Fällen kann eine ambulante 24-Stunden-Bluldruckmessung zweckmäßig sein.
  3. In der ersten Schwangerschaftshälfte kommt es allgemein sowohl bei gesunden als auch bei hochdruckkranken Frauen zu einem Abfall des diastolischen Wertes um 7-10 mm Hg, während der systolische Blutdruck gleich bleibt bzw. nur gering abfällt.
    Eine krankhafte Blutdrucksteigerung in der Schwangerschaft liegt vor, wenn mehrfach
    • ein systolischer Druck von 140 mm Hg erreicht oder überschritten wird,
    • ein diastolischer Druck von 90 mm Hg erreicht oder überschritten wird,
    • unabhängig von der Blutdruckhöhe ein Anstieg des systolischen Drucks um 30 mm Hg oder mehr oder des diastolischen Drucks um 15 mm Hg oder mehr im Vergleich zu den Werten in der ersten Schwangerschaftshälfte gemessen wird.
  4. Eine Blutdrucksteigerung in der Schwangerschaft ist prognostisch dann besonders ernst, wenn eine Niereninsuffizienz mit einem Serumkreatinin über 1,5 mg/dl, eine Proteinurie über 3 g/24 Stunden oder weitere schwere Symptome einer Präeklampsie vorliegen.

Praktisches Vorgehen

Bei Vorliegen einer Gestose oder bei Verdacht auf deren Entwicklung sollte eine Krankenhauseinweisung erfolgen, da die Erkrankung ein weites klinisches Spektrum von leichten bis zu schweren Formen aufweist und innerhalb weniger Tage bis zu fulminaten Verläufen fortschreiten kann. Die Einleitung einer medikamentösen Dauertherapie sollte ausschließlich Aufgabe der Klinik sein, da erst eine stationäre Beobachtung unter kontrollierten Bedingungen die Notwendigkeit einer medikamentösen Blutdruckeinstellung ergeben kann.

Für die ambulante Therapie eines hypertensiven Notfalls, d. h. einer vital bedrohlichen mütterlichen Situation, vor dem Transport in die Klinik, eignen sich initial

5 mg schnell resorbierbares Nifedipin p. o. oder
5 mg Dihydralazin i. v. (4 ml aus 25 mg Dihydralazin in 20 ml NaCl 0,9 %) oder
6,25 mg Urapidil i.v.

Ein hypertensiver Notfall liegt nur dann vor, wenn stark erhöhte Blutdruckwerte mit Folgeerscheinungen, wie z. B, hypertensiver Enzephalopathie (Sehstörungen, Schwindel, Kopfschmerzen, Krampfanfall, Bewußtseinsstörungen, neurologische Ausfallserscheinungen), Lungenödem oder Angina pectoris einhergehen. Bei Angina pectoris, Myokardinfarkt und dissezierendem Aortenaneurysma ist die Anwendung von Nifedipin und Dihydralazin kontraindiziert. Eine asymptomatische Blutdruckerhöhung ist kein hypertensiver Notfall, unabhängig vom Ausmaß des Blutdruckanstieges, und erfordert keine akute Blutdrucksenkung.

Immer zu beachten ist, daß im Beginn jeder parenteralen, aber auch oralen antihypertensiven Medikation eine abrupte Blutdrucksenkung auftreten kann mit akuter Verschlechterung der uteroplazentaren Perfusion und schwerwiegenden Folgen für den Feten. Deshalb ist eine kardiotokographische Überwachung des Kindes notwendig.

Bei Auftreten einer Gestose ist die einzige mögliche kausale Therapie die Beendigung der Schwangerschaft. Die konservative klinische Therapie bis zur Entbindung besteht in:

  • parenteraler antihypertensiver Therapie und
  • antikonvulsiven Maßnahmen,

Zur antihypertensiven Therapie stehen zwei Substanzen zur Verfügung:

Dihydralazin: Infusionsbeginn mit 0,5 mg/min unter ständiger Kontrolle des Blutdrucks, um einen abrupten Blutdruckabfall zu vermeiden. Unmittelbare Dosisanpassung ist erforderlich. Alternativ kann eine Minibolustherapie vorgenommen werden, initial 5 mg .v.. Die Injektion kann nach 20 Minuten wiederholt werden. Gegebenenfalls ist eine Dosiserhöhung möglich.
Urapidil: Initial Bolusgabe von 6,25 mg i.v., wiederholbar nach 5 Minuten, gefolgt von einer i.v.- Dauerinfusion(2-4 mg/h mit Dosisanpassung).

Die antihypertensive Behandlung wird bei Krampfbereitschaft mit antikonvulsiven Maßnahmen kombiniert. In diesem Fall oder bei bereits aufgetretenen Konvulsionen ist Magnesiumsulfat das Mittel der Wahl (4 g Magnesiumsulfat in 20 ml NaCl 0,9% in 10 - 15 min i.v.).
Magnesiumsulfat kann die Wirkung von Calcium-Antagonisten potenzieren und dadurch zu einer abrupten schweren Hypotonie führen. Daher sind Nifedipin, Verapamil u.a. Calcium-Antagonisten bei einer Therapie mit Magnesiumsulfat möglichst nicht anzuwenden,
Alternativ zu Magnesiumsulfat kann Diazepam (5-10 mg i.v.) gegeben werden. Diphenylhydantoin ist präpartal nicht zu empfehlen.

Stets wird kurzfristig zu entscheiden sein, ob die Schwangerschaft fortgeführt werden kann oder ob nach Stabilisierung des Zustandes der Mutter die Entbindung vorgenommen werden muß (Abwägen von mütterlichen und kindlichen Risiken).

Die ambulante Betreuung und Überwachung einer Patientin mit Hochdruck in der Schwangerschaft kann nur erfolgen, wenn eine schwangerschaftsunabhängige Hochdruckform vorliegt oder wenn bei stationärer Abklärung eine Gestationshypertonie gefunden wurde, die es gestatten, die Schwangerschaft fortzusetzen. Die Betreuung dieser Patientinnen erfordert kurzfristige Blutdruck- und Urin-Kontrollen in wöchentlichen Abständen. Die Überwachung wird wesentlich erleichtert, wenn die Schwangere regelmäßig ihr Körpergewicht prüft und ihre Blutdruckwerte morgens und spätabends mißt und protokolliert. Die Blutdruckselbstmessung dient dabei nicht nur der schnellen Erfassung einer Progredienz des Krankheitsbildes, sondem auch der Vermeidung von Fehleinschätzungen bei einer in der Schwangerschaft verstärkten Neigung zu situativen Blutdruckanstiegen (Praxishypertonie).

Die Schwangere muß eingehend informiert sein über mögliche Symptome der Verschlechterung wie Kopfschmerzen, Sehstörungen und besonders Oberbauchschmerzen.

Da die Präeklampsie/Gestose eine besonders hohe Gefahr für die Mutter und das Kind beinhaltet, sind die diagnostischen Maßnahmen bei den Kontrollen wesentlich darauf ausgerichtet, diese Erkrankung, ihre Progredienz oder Komplikationen zu erkennen.

Hinweise darauf ergeben sich aus

  • ausgeprägter Blutdrucksteigerung auf 160 - 180 mm Hg oder mehr systolisch oder 110 mm Hg oder mehr diastolisch,
  • rascher Gewichtszunahme,
  • Proteinurie von mehr als 3 g/24 Stunden,
  • Anstieg der Serumharnsäurekonzentration über 3,6 mg/dl (210 µmol/l) vor der 32. Schwangerschaftswoche oder über 5,0 mg/dl (300 µmol/l) nach der 32. Schwangerschaftswoche,
  • Kopfschmerzen, Sehstörungen,
  • Oberbauchbeschwerden, Hepatomegalie, Anstieg der Leberenzyme,
  • retinalen Blutungen, Exsudaten oder Papillenödem
  • Abfall der Thrombozyten unter 100 000/µl,
  • Auftreten von Symptomen eines HELLP-Syndroms oder seltener einer disseminierten intravaskulären Gerinnung,
  • ausgeprägter Wachstumretardierung des Feten bei der klinischen und/oder Ultraschalluntersuchung,
  • pathologischem Ergebnis der Kardiotokographie.

Möglicherweise kann eine frühzeitige Behandlung (ab der 14. Schwangerschaftswoche) von Schwangeren mit nachgewiesenermßen hohem Gestoserisiko mit Acetylsalicylsäure (100 mg/die) die Entwicklung einer erneuten (Pfropf-) Gestose verhindern. Beweise dafür fehlen bisher. Hinweise darauf, daß regelmäßige zusätzliche Magnesium- oder Calciumgaben in der Schwangerschaft die Entwicklung einer Präeklampsie verhindern, konnten nicht bestätigt werden.

Die Behandlungsmaßnahmen bestehen in erster Linie in einer antihypertensiven Therapie. Im Vordergrund stehen Allgemeinmaßnahmen, wie Schonung (Krankschreibung), Vermeidung von Belastungen und körperlichen Anstrengungen sowie zeitweilige Bettruhe (vorzugsweise in Linksseitenlage). Absolute Alkohol- und Nikotinkarenz sind angezeigt. Eine Beschränkung der Kochsalzzufuhr mit der Kost ist nicht zu empfehlen, da sie wie Saluretika (s.w.u.) zu einer weiteren Abnahme des Plasmavolumens und damit der Uterusdurchblutung führt. Stets wird man versuchen, mit Allgemeinmaßnahmen auszukommen und die Medikation zu vermeiden oder zu beschränken, Gelingt es aber mit diesen Maßnahmen nicht, den Blutdruck systolisch unter 170 mm Hg und diastolisch unter 110 mm Hg zu halten, so muß eine medikamentöse antihypertensive Therapie eingesetzt oder eine vorbestehende Medikation intensiviert bzw. wieder aufgenommen werden. Diese erfolgt mit Medikamenten, die die fetale Entwicklung nicht schädigen. Man wird versuchen, mit möglichst niedrigen Dosen auszukommen. Es gibt Hinweise darauf, daß eine zu weitgehende Blutdrucksenkung nachteilig ist.

Geeignete orale Antihypertensiva für die längerfristige Therapie in der Schwangerschaft

Alpha-Methyldopa

Tagesdosen zwischen 375 und 1500 mg.

Anmerkung: Alpha-Methyldopa ist das einzige in der Schwangerschaft ausreichend untersuchte Antihypertensivum. Bei Beginn einer Alpha-Methyldopa-Therapie zwischen der 16. und 20. SSW sind verminderte Kopfumfänge der Neugeborenen festgestellt worden. Bei Langzeitbeobachtung bis zu 7 Jahren fand sich aber keine Beeinträchtigung neurologischer Funktionen oder der intellektuellen Entwicklung. Spätere Untersuchungen der Kopfumfänge konnten diese Befunde nicht bestätigen, so daß eine Alpha-Methyldopa-Therapie auch zwischen der 16. und 20. Schwangerschaftswoche ohne Einschränkung eingeleitet werden kann. Alpha-Methyldopa ist das Mittel der ersten Wahl bei chronischer Hypertonie in der Schwangerschaft und sollte bei Blutdruckwerten oberhalb 160/100 mm Hg eingesetzt werden.

Eingeschränkt geeignet für die Langzeittherapie

Antihypertensiva, die bei Ineffektivität und Unverträglichkeit von Alpha-Methyldopa erwogen werden können.

Dihydralazin

Eine Monotherapie mit dieser Substanz kann allerdings zu einer Reflextachykardie führen, die durch eine Kombination mit Methyldopa oder Beta-l-selektiven Rezeptorenblockern vermindert werden kann.

Beta-1-selektive Rezeptorenblocker und nichtselektive Beta-Rezeptorenblocker mit intrinsischer sympathikomimetischer Aktivität

Metoprolol in Tagesdosen bis zu 100 mg
Acebutolol in Tagesdosen bis zu 200 mg
Pindolol in Tagesdosen bis zu 15 mg
Atenolol in Tagesdosen bis zu 50 mg

Anmerkung: Betablocker kännen zu einer intrauterinen Wachstumsverzögerung führen, was möglicherweise durch ihren potentiell hypozirkulatorischen Effekt bedingt ist, Schwangere mit einer hypodynamen Kreislaufeinstellung (kleine Blutdruckamplitude, relative Bradykardie) erscheinen daher bei einer für die normale Schwangerschaft physloiogisch notwendigen Hyperzirkulation nicht für ihre Anwendung geeignet. Unter Langzeitanwendung von Atenolol in der Schwangerschaft wurde in vergleichenden Untersuchungen eine signifikante intrauterine Wachstumsretardierung beschrieben. Bei Fortführung einer Betablockertherapie bis zur Entbindung kann es zu einer Hypoglykämie, Hypotonie oder Bradykardie des Neugeborenen kommen. Das könnte dazu führen, daß dieses auf Hypoxie- oder Streßsituationen nicht adäquat reagieren kann, gehört aber eher zu den Ausnahmeerscheinungen. Ein länger als 12 stündiges Absetzen der Medikation vor der Entbindung ist jedoch bei Beachtung möglicher Symptome kaum zu rechtfertigen.

Verapamil

Es liegen bisher wenige Erfahrungen in der Behandlung der Hypertonie in der Schwangerschaft vor, jedoch wird Verapamil bei Schwangeren mit tachykarden supraventrikulären Herzrhythmusstörungen seit langem ohne Bekanntwerden von fetalen Schädigungen angewendet. Bei einer gleichzeitigen antikonvulsiven Behandlung mit Magnesiumsulfat besteht die Gefahr der Potenzierung hypotensiver Effekte.

Nifedipin

Auf Grund embryotoxischer und teratogener Effekte im Tierversuch ist die Gabe von Nifedipin im 1. Trimenon nicht geeignet. Bisherige, allerdings unzureichende Erfahrungen in der späteren Schwangerschaft erscheinen günstig. Daher ist der kurzfristige Einsatz in Notfällen gerechtfertigt, um Schaden von der Mutter abzuwenden, obwohl in der Gebrauchsinformation Schwangerschaft als Kontraindikation für Nifedipin bezeichnet wird. Bei Vorbehandlung mit anderen Vasodilatatoren und bei gleichzeitiger antikonvulsiver Behandlung mit Magnesiumsulfat besteht die Gefahr der Potenzierung hypotensiver Effekte.

Nicht geeignete orale Antihypertensiva

Reserpin

Es kann zu Atmungsschwierigkeiten des Neugeborenen infolge von Schleimhautschwellungen kommen.

Diuretika

Bei Gestosen ist das Plasmavolumen reduziert, und eine weitere Verninderung desselben kann zu einer Beeinträchtigung der Uterusdurchblutung führen. Bei Frauen mit einer mitteischweren oder schweren Hypertonie, die bereits eine ausreichende Zeit vor Eintritt einer Schwangerschaft (> 3 Monate) effektiv mit einem Thiaziddiuretikum eingestellt worden sind, ist bei Unverträglichkeit oder mangelnder Wirksamkeit empfohlener Antihypertensiva eine Fortführung dieser Medikation möglich.

ACE-Hemmer

Die Substanzen haben im Tierversuch eine erhöhte Mißbildungsrate und fetale Mortalität ausgelöst. Beim Menschen wurden ein akutes Nierenversagen des Neugeborenen und Schädelkalottendefekte beobachtet. ACE-Hemmer sind daher in der Schwangerschaft als potentiell toxisch zu betrachten.

Angiotensin AT1-Antagonisten

Im Analogieschluß zu den ACE-Hemmern und auf Grund tierexperimenteller Befunde können diese Substanzen zu Nierenversagen des Neugeborenen führen. Sie sind in der Schwangerschaft potentiell toxisch.

Falls eine Schwangerschaft unter Behandlung mit ACE-Hemmern oder Angiotensin AT1-Antagonisten eintritt, sind diese abzusetzen und falls notwendig, die Patientinnen auf geeignete Antihypertensiva umzustellen.

Zur Eignung bei der oralen medikamentösen Behandlung der Hypertonie in der Schwangerschaft liegen über alle anderen Antihypertensiva ungenügende Informationen vor.

Antihypertensiva während der Stillperiode

Alpha-Methyldopa gelangt zwar in die Muttermilch, wird aber vom Säugling in so geringen Mengen aufgenommen, daß keine Organwirkung zu erwarten ist.

Betarezeptorenblocker gehen ebenfalls in die Muttermilch über und erreichen z. T. Konzentrationen (Acebutotol, Atenolol), die höher sind als im mütterlichen Plasma. Außerdem kann es in manchen Fällen zu einer Kumulation der Substanzen im Organismus des Neugeborenen kommen. Wenn auch die Dosen, die der Säugling mit dem Stillen aufnimmt, gering sind, wird doch in Einzelfällen über einen Abfall von Blutdruck oder Herzfrequenz berichtet. Die Therapie sollte daher sorgfältig überwacht werden. Falls Beta-Rezeptorenblocker in der Stillperiode gegeben worden sollen, ist Metoprotol als Mittel der Wahl zu empfehlen, da es nur geringe Konzentrationen in der Muttermilch erreicht.

Diuretika können die Milchsekretion vermindern. Außerdem wurden vereinzelt Nebenwirkungen bei den Säuglingen beobachtet, wie Hypokaliämie und Thrombozytopenie.

Calcium-Antagonisten

Nifedipin, Nitrendipin und Verapamil erreichen nur sehr geringe Konzentrationen in der Muttermilch, so daß kindliche Wirkungen weitgehend auszuschließen sind.

ACE-Hemmer

Captopril und Enalapril gehen nur minimal in die Muttermilch über. Kindliche Wirkungen sind nicht zu erwarten.

Über die Anwendung weiterer Antihypertensiva in der Stillperiode liegen nur unzureichende Daten und Erfahrungen vor.

Frauen mit Kinderwunsch, die an einer chronischen Hypertonie leiden, sollten mit Antihypertensiva eingestellt werden, die eine mögliche Schwangerschaft nicht beeinträchtigen. Eine Veränderung der Medikation bei eingetretener Schwangerschaft ist zwar möglich, kann aber zu akuten Veränderungen der hämodynamischen Situation mit Verschlechterung der uteroplazentaren Perfusion führen. In jedem Falle sind Geburtshelfer und Kinderarzt umfassend über eine laufende Medikation zu informieren, um eine richtige Bewertung kindlicher Befunde zu gewährleisten.

Ein Schwangerschaftsabbruch oder Abstillen wegen einer medikamentösen antihypertensiven Therapie sind fast nie indiziert.

Im Zweifelsfalle und für weitergehende Fragen empfiehlt es sich, Spezialisten zu konsultieren, z.B.