Die Genauigkeit der Blutdruckmessung entscheidet über Indikation und Intensität der antihypertensiven Therapie. Auf Bevölkerungsebene können diastolische Messfehler von 5 mm Hg dazu führen, dass je nach Richtung des Fehlers etwa 10 % der Bevölkerung mehr oder weniger für behandlungsbedürftig gehalten werden1. Das vor 109 Jahren beschriebene Manschettenprinzip der indirekten Blutdruckmessung hat bisher keine Ablösung gefunden. Große Fortschritte hat dagegen die Automation der Blutdruckmessung gemacht, u. a. durch Einführung neuer Kriterien für den systolischen und den diastolischen Druck, bei dem pulsbedingte Druckschwankungen (Oszillationen) in der Blutdruckmanschette während des Druckablasses, seltener während des Aufpumpens, evaluiert werden. Bei preiswerten, auch für die Selbstmessung geeigneten Geräten hat die oszillometrische die auskultatorische Methode nach Korotkoff fast vollständig abgelöst. Bei automatischer Messung können Fehler durch zu langsames, evtl. anstrengendes und damit blutdrucksteigerndes Aufpumpen sowie durch zu raschen Druckablass vermieden werden. Mangelnde Konzentration bei der Druckmessung und das Vorziehen auf Null oder Fünf gerundeter Werte spielen bei digitaler Anzeige der Messergebnisse keine Rolle mehr. Wiederholungsmessungen sind einfach. Dagegen werden andere Fehlermöglichkeiten durch Automation nicht eliminiert, wie nicht adäquate Manschettengröße und -qualität oder falsches Anlegen der Manschette. Neue kommen sogar hinzu, wie mangelnde Berücksichtigung der Herzhöhe des Messortes (vor allem bei Handgelenkgeräten), Sprechen und Unruhe während der Messung und Nichtbeachtung einer ausreichenden Ruhezeit vor Messbeginn2.
Gemessen an der Anzahl der Geräte haben Blutdruckmessautomaten ihre größte Verbreitung in der Selbstmessung durch den Patienten gefunden. Hier dient sie nicht nur der Complianceförderung und der engmaschigen Beobachtung von Blutdruckänderungen. Die gewonnenen Werte haben auch eine enge Beziehung zur Prognose von Herz-Kreislauferkrankungen. In einigen Untersuchungen haben sie sich dabei der Standardblutdruckmessung sogar überlegen gezeigt. So war über 6,6 Jahre in der japanischen Ohasama-Studie an 1.789 im Mittel 61jährigen, normotonen Männern und Frauen der prognostische Wert wiederholter Selbstmessungen für die kardiovaskuläre Mortalität größer als der der Screeninguntersuchungen3. In Frankreich wurde eine Kohorte von 4.939 hypertonen Frauen und Männern über 3,2 Jahre beobachtet. Patienten mit erhöhten Werten sowohl bei der Praxis- wie bei der Selbstmessung erlitten doppelt so häufig kardiovaskuläre Komplikationen wie solche mit normalen Werten bei
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beiden Untersuchungen. Für die Bedeutung der Selbstmessung spricht, dass sich bei normalen Praxiswerten aber erhöhten Selbstmesswerten die Ereignisrate ebenfalls verdoppelte, während sie im umgekehrten Falle d. h. erhöhter Werte in der Praxis, aber normaler zu Hause nur leicht und nicht signifikant stieg4. Selbstmesswerte sind offenbar für unser Blutdruckniveau repräsentativer als Praxiswerte, wie auch Vergleiche mit der ambulanten Blutdruckmessung gezeigt haben5.
Ein dennoch vielfach anzutreffendes Misstrauen gegen die Blutdruckselbstmessung wird häufig mit Einzelfällen begründet, in denen sich übertrieben häufig selbstmessende Patienten durch kleinste Änderungen des Blutdrucks beunruhigen lassen oder durch Elimination „nicht passender” Werte bzw. durch Fehldokumentation gemessener Werte dem Arzt die Behandlung eher erschweren als erleichtern. Größeres Gewicht haben Befürchtungen, dass Handhabungsfehler bei der Selbstmessung oder technisch mangelhafte Automaten zu falschen Ergebnissen führen und den behandelnden Arzt in die Irre leiten könnten.
Diese Sorgen sind nicht unberechtigt. In einer Befragung von 500 selbst messenden Patienten wusste nur jeder zweite, dass vor der Selbstmessung eine Ruhephase von mindestens drei Minuten eingehalten werden, und nur einer von drei, dass die morgendliche Messung vor der Medikamenteneinnahme erfolgen soll. Die Hälfte der Patienten maß mit einem Handgelenkgerät, aber nur vier von zehn dieser Patienten wussten, dass der Messpunkt in Herzhöhe liegen muss. Überraschend waren diese Befunde allerdings nicht, da nur jeder dritte der 500 Patienten eine persönliche Einweisung in die Selbstmessung erhalten hatte6.
Unter der Voraussetzung einer richtigen Gerätewahl und der sorgfältigen Einweisung der Patienten sowie bei Vermeiden von Fehlindikationen bei neurotischen, apraktischen oder unzuverlässigen Patienten kann die Blutdruckselbstmessung die Betreuung von Hypertonikern deutlich verbessern. So hatten nach einer Metaanalyse von 18 kontrollierten Studien an insgesamt 2.714 Patienten selbstmessende unter Therapie systolisch um 4,3 und diastolisch um 2,4 mm Hg niedrigere Blutdruckwerte als nicht selbstmessende, der Anteil von Patienten, die den Zielblutdruck erreichten, stieg bei Selbstmessung um 11 %7. Damit kann die Selbstmessung einen wichtigen Beitrag zur effektiveren Nutzung unserer zahlreichen medikamentösen und nichtmedikamentösen Therapiemöglichkeiten leisten.
Manfred Anlauf und Ulrich Tholl, Bremerhaven |