Klassifikation und Risikostratifizierung
Etwa einen Monat nach den amerikanischen Empfehlungen (JNC 7) – siehe Management Hypertonie – Journal by Fax Nr. 11 (2003) – wurden die Guidelines der European Society of Hypertension (ESH) und der European Society of Cardiology (ESC) veröffentlicht1. Damit sind erstmalig eigene Hypertonie-Richtlinien für den europäischen Raum publiziert worden. Sie basieren auf den 1999 veröffentlichten WHO-ISH-Empfehlungen. Im Vorwort wird darauf hingewiesen, dass der Erkenntnisfortschritt seit 1999 eine Neufassung erfordert und diese Richtlinien die Besonderheiten der europäischen Bevölkerung (stärkere Homogenität, höhere Lebenserwartung, aber auch höhere Inzidenz kardiovaskulärer Krankheiten) berücksichtigt.
Im Gegensatz zu den JNC-7-Empfehlungen2, in denen der Begriff der ‘Prehypertension’ (systolisch 120 – 139 oder diastolisch 80 – 89 mm Hg) eingeführt und nur noch zwei Schweregrade der Hypertonie empfohlen werden, wird im europäischen Dokument die bisherige Klassifikation in optimal, normal, high-normal (im Deutschen als ‘noch normal’ bezeichnet) sowie in drei Schweregrade mit den bisherigen Grenzwerten, die auch in den deutschen Leitlinien3 und Therapieempfehlungen4 verwendet werden, beibehalten. Verzichtet wurde auf die Abgrenzung der Subgruppe ‘Grenzwerthypertonie’. Unterschiedlich zu den bisherigen deutschen Empfehlungen sind die Angaben zu den Grenzwerten der 24-Stunden-Blutdruckmessung. Hier liegen die Grenzwerte in den europäischen Guidelines niedriger (siehe Tab.1).
Tabelle 1: Hypertoniegrenzwerte in Abhängigkeit von unterschiedlichen Messverfahren:
| | Syst. BD (mm Hg) | Diast. BD (mm Hg) |
| Praxis oder Klinik | 140 | 90 |
| 24-Std.-Messung | 125 | 80 |
| Selbstmessung | 135 | 85 |
Beibehalten wurde auch die Risikostratifizierung als Grundlage für die Entscheidung über den Beginn einer antihypertensiven Arzneimitteltherapie. Kriterien sind hier die Zahl weiterer kardiovaskulärer Risikofaktoren, das Vorhandensein von Zielorganschäden (z. B. Linksherzhypertrophie), eines Diabetes mellitus oder von anderen kardiovaskulären Folge- und Begleitkrankheiten. Im Vergleich zu den vorhergehenden Empfehlungen von 1999 wurden diese Kriterien in einigen Punkten weiter spezifiziert. Der Risikofaktor Adipositas wird auf abdominelle Adipositas (Hinweis auf ein metabolisches Syndrom) eingeengt. Wie bisher wird der Diabetes als eigenständiger, besonders wirksamer Risikofaktor herangezogen. Die Mikroalbuminurie gilt als Zeichen einer Endorganschädigung, die Proteinurie als Zeichen einer renalen Erkrankung. In gleicher Weise wird die Kreatininerhöhung differenziert (1,2 – 1,5mg/dl als Endorganschädigung, > 1,5 mg/dl als assoziierte klinische Erkrankung). Zu den Risikofaktoren wurde ein erhöhtes C-reaktives Protein hinzugefügt. Fokale Gefäßverengungen am Augenhintergrund gelten nicht als Zielorganschäden, weitergehende Verän-derungen (Blutungen, Exsudate, Papillenödem) aber als assoziierte Erkrankung.
Im Unterschied zur bisherigen Risikostratifizierung, die nur Patienten mit einer Hypertonie berücksichtigte, werden jetzt Personen mit einem normalen oder noch-normalen Blutdruck einbezogen. Weisen Patienten mit einem noch-normalen Blutdruck (systolisch 130 – 139 oder diastolisch 85 – 89 mm Hg) ein hohes (drei oder mehr Risikofaktoren, Diabetes mellitus oder Endorganschäden) oder sehr hohes Risiko (assoziierte Erkrankungen) auf, wird auch in diesem Bereich der Beginn einer antihypertensiven Arzneimitteltherapie empfohlen. Für den hypertensiven Blutdruckbereich sind die Grenzwerte etwa unverändert, es wird aber die Notwendigkeit des unmittelbaren Beginns einer Therapie beim Schweregrad 3 stärker akzentuiert.
H.-D. Faulhaber, Berlin
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| Literatur: 1. Guidelines Committee (2003) European Society of Hypertension – European Society of Cardiology. Guidelines for the management of arterial hypertension. J Hypertension 21: 1011-1053 [Full text]
2. Chobanian AV, Bakris GL, Black HR et al. (2003) The Seventh Report of the Joint National Committee on Prevention, Detection, Evaluation, and Treatment of High Blood Pressure. The JNC 7 Report. JAMA 289: 2560-2572 [Abstract, Full text]
3. Leitlinien für die Prävention, Erkennung, Diagnostik und Therapie der arteriellen Hypertonie (2001) Dtsch Med Wochenschr 126: S201-S238 [Full text]
4. Deutsche Hochdruckliga (2002) Empfehlungen zur Hochdruckbehandlung. 17. Aufl. [Text bestellen] |