Journal by FaxMANAGEMENT HYPERTONIE
JOURNAL BY FAX

Ein Projekt des Herz-Kreislauf-Telefons der Hochdruckliga
mit Unterstützung von Servier Deutschland GmbH

Wissenschaftlicher Beirat: G. Bönner, H.-D. Faulhaber, M. Middeke, R. Schmieder, P. Stolte

7. Jahrgang 2007; Nr. 14

BD-Messung und nächtliche Hypertonie: Henne oder Ei?

Eigentlich war das Thema doch schon lange abgehakt, denn zwischen 1985 und 1995 gab es eine Reihe von Untersuchungen, die sich mit methodischen Aspekten der Blutdruckmessung (ABDM) in der Nacht und der Schlafqualität bei Hypertonikern und normotensiven Probanden beschäftigte.1 Die Untersuchungen wurden z. T. im Schlaflabor mit simultaner intraarterieller Messung, Schlaf-EEG, EMG, oder Aktivitätsmessung mit verschiedenen Rekordern und in unterschiedlichen Messintervallen durchgeführt.

Das Fazit aus diesen Untersuchungen lautete seinerzeit1.
  1. Der nächtliche BD kann mit der ABDM zuverlässig erfasst werden.
  2. Der nächtliche BD wird durch ABDM nicht überschätzt.
  3. ABDM führt nicht zu einer Alarmreaktion und einem BD-Anstieg, wenn mit einem leisen Gerät gemessen wird.
  4. Der Schlaf wird durch die BD-Messung häufig gestört, ohne einen BD-Anstieg zu provozieren.
  5. Bei älteren Patienten können sich altersabhängige Schlafstörungen und BD-Messungen in der Nacht evtl. gegenseitig beeinflussen.

Nun hat eine aktuelle Studie aus Italien für Aufregung gesorgt, weil hier ein Zusammenhang zwischen Schlaf-qualität und nächtlicher BD-Messung bei 2.934 unbehandelten Hypertonikern gefunden wurde2.



Schlafdauernächtlicher BD
wie gewöhnlich124/75 mm Hg
< 2 Std. weniger als gewöhnlich126/76
2 – 4 Std. weniger als gewöhnlich 128/77
> 4 Std. weniger als gewöhnlich129/79

Das bedeutet, dass ein Schlafdefizit > 4 Std. zu einem BD-Anstieg von (lediglich) 5/4 mm Hg im Vergleich zu Patienten mit ungestörtem Schlaf führte! Leider wird nichts über das Verhalten der Herzfrequenz berichtet. Angesichts der Tatsache, dass in dieser Studie über 24 Stunden, d.h. auch in der Nacht alle 15 Minuten mit einem aus heutiger Sicht veralteten Gerät (groß, schwer, laute Pumpgeräusche) gemessen wurde, ist man eher verwundert darüber, dass insgesamt nur 14 % der Patienten über Schlafstörungen geklagt haben. Auch wenn der Beginn der Studie schon länger zurück liegt, überrascht die hohe Messfrequenz in der Nacht. Die Deutsche Hochdruckliga hat jedenfalls schon 1991 ein Messintervall von 30 Minuten in der Nacht empfohlen3.

Man kann davon ausgehen, dass bei diesem Messintervall, und bei Verwendung moderner, leise pumpender Geräte, die Schlafqualität nicht wesentlich beeinträchtigt wird und keine künstlichen non-dipper bzw. inverted-dipper produziert werden. Der nächtliche BD verliert auch mit den Ergebnissen der italienischen Stu-die nicht seine wichtige prognostische Bedeutung. Hierfür steht u.a. die Dublin-Studie als wichtigste prospektive Untersuchung zu dem Thema4. In dieser Studie wurde nachts in vernünftigen, halbstündigen Intervallen gemessen, und es konnte gezeigt werden, dass der nächtliche BD am besten mit dem Risiko (kardiovaskuläre Todesfälle über 8 Jahre) korreliert. Für das hohe Risiko sind Hypertonieursachen und -folgen verantwortlich, die zu einer tatsächlich vorhandenen mangelnden Nachtabsenkung des Blutdrucks bzw. zu einem nächtlichen Anstieg führen. Das sind u.a. höheres Alter, Niereninsuffizienz, Schlafapnoe, andere sekundäre Hypertonieursachen und hypertensive Endorganschäden. Hierbei handelt es sich keinesfalls um „artefizielle” nächtliche Hypertonien, verursacht durch Schlafmangel. Durch die Studie von Verdecchia et al. wird somit die prognostische Bedeutung des nächtlichen Blutdrucks nicht in Frage gestellt.

Prof. Dr. Martin Middeke, München

Literatur: 1. Middeke M (1996) Effect of nocturnal blood pressure measurement on sleep and blood pressure during sleep. Z Kardiol 85 (Suppl 3): 99-105 [Abstract] 2. Verdecchia et al. (2007) Ambulatory blood pressure and cardiovascular outcome in relation to perceived sleep deprivation. Hypertens 49: 777-83 [Full text] 3. Anlauf M, Baumgart P, Krönig B, Meyer-Sabellek W, Middeke M, Schrader J (1991) Statement zur 24-Stunden-Blutdruckmessung der deutschen Liga zur Bekämpfung des hohen Blutdruckes. Z Kardiol 80 (Suppl 1): 53-55 [Title] 4. Dolan E, Stanton A, Thijs L et al. (2005) Superiority of ambulatory over clinic blood pressure measurement in predicting mortality: the Dublin outcome study. Hypertension 46 (1): 156-61 [Full text]
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