Eine Hypotonie wird heute dann diskutiert, wenn bei einem systolischen Blutdruck unter 100 mmHg subjektive Symptome durch den niedrigen Blutdruck auftreten. Dabei wird davon ausgegangen, dass die Hypotonie nicht kardialer Genese ist. Die Angaben zur Prävalenz der Hypotonie schwanken zwischen 2 % und 17 %. Die Betroffenen klagen häufig über Müdigkeit, Antriebsmangel, Anlaufschwierigkeiten am Morgen, depressive Stimmung, Schwindel sowie Konzentrations- und Gedächtnisprobleme. Dass sie sich in diesem Beschwerdebild deutlich von der Allgemeinbevölkerung unterscheiden, konnte verschiedentlich nachgewiesen werden.1,2 Seit kurzem liegen quantitative empirische Daten zu den kognitiven Minderleistungen, zur zerebralen Hämodynamik sowie zu hirnelektrischen Besonderheiten bei der essentiellen Hypotonie vor.
Kognitive Leistungsminderung
Es konnte verschiedentlich empirisch belegt werden, dass eine Reihe von Maßen der kognitiven Leistung bei Hypotonikern reduziert sind. Dazu gehören: Verarbeitungsgeschwindigkeit einfacher und komplexer Reizkonstellationen, Daueraufmerksamkeit, Kurzzeitgedächtnis und Konzentrationsfähigkeit. Die Defizite zeigen sich hier sowohl in der Verarbeitungsgeschwindigkeit als auch in der Fehlerhäufigkeit.3
Zerebrale Hämodynamik
Vor dem Hintergrund der kognitiven Leistungsschwächen bei Hypotonie liegt die Hypothese nahe, dass aufgrund des niedrigen Blutdrucks die Gehirndurchblutung suboptimal sei. Allerdings spricht gegen diese Annahme der Prozess der zerebralen Autoregulation: Bei einer Abnahme des Blutdrucks kommt es zu einer autoregulatorischen Erweiterung der Gehirnarterien, so dass die Blutversorgung des neuronalen Gewebes über weite Bereiche des systemischen Blutdrucks konstant bleibt. Gemäß der vorherrschenden Lehrmeinung sollte dieser Mechanismus auch bei chronisch niedrigem Blutdruck eine Minderdurchblutung des Gehirns verhindern.
Zur Beantwortung der Frage, ob diese Anpassungsleistung mög-licherweise bei der Hypotonie defizitär ist, wurden dopplersono-graphische Messungen durchgeführt. Es wurden die Strömungsgeschwindigkeiten in beiden Arteriae mediae erfasst. Unter Ruhebedingungen zeigte sich eine um ca. 15 % niedrigere Strömungsgeschwindigkeit bei den Hypotonikern, verglichen mit einer normotonen Kontrollgruppe (s. Abb. 1). Darüber hinaus war auch der Blutflussanstieg während
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mentaler Anforderung um 40 % reduziert. Ein weiteres, erstmals beobachtetes Ergebnis war, dass in den Konzentrationstests gerade diejenigen Testpersonen am besten abschnitten, bei denen der Blutstrom besonders stark zunahm. Das unterstreicht, dass eine optimale mentale Leistung tatsächlich von der kontinuierlichen Anpassung der Durchblutung an die Hirnaktivität abhängig ist, was bei Hypotonie nur eingeschränkt gegeben ist.
Hirnelektrische Aktivität
Auch bei der Untersuchung zweier EEG-Indikatoren zeigte sich eine reduzierte Aktivation bei hypotonen Personen4. Der Anteil der Alpha-Wellen (ein Indikator für Desaktivation) war stärker ausgeprägt und in der sog. Contingenten Negativen Variation (einem Aktivierungsindikator) spiegelte sich eine niedrigere zerebrale Bereitstellung von Aufmerksamkeitsressourcen wider. In beiden Fällen ließen sich darüber hinaus korrelative Zusammenhänge zwischen der Blutdruckhöhe und den EEG-Maßen aufzeigen.
Behandlungsindikationen und Behandlungsmöglichkeiten
Allgemein akzeptierte Richtlinien dafür, wann die Hypotonie als behandlungsbedürftig zu gelten hat, liegen bislang nicht vor. Wichtiger als die Blutdruckwerte sind zur Indikationsstellung vor allem die subjektiven Symptome zu bewerten. Zur Behandlung werden v. a. regelmäßiges körperliches Training, hydrotherapeutische Maßnahmen und gymnastische Übungen empfohlen. Darüber hinaus stehen medikamentöse Therapie-Optionen (Sympathikomimetika, Mineralokortikoide) zur Verfügung.5,6,7 Für Etilefrin (ein Sympathikomimetikum) ließ sich in einer plazebo-kontrollierten Studie ein positiver Behandlungseffekt hinsichtlich der Orthostase-Beschwerden belegen8.
Abb. 1. Mittlere Blutflussgeschwindigkeit (gemittelt über die Arteriae mediae) in Ruhe bei Hypotonikern und bei normotonen Kontrollpersonen.
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Rainer Schandry, München |