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Kultursensible
Altenhilfe
Unsere Gesellschaft wird
immer differenzierter und multikultureller. Seitens der Dienste und
Einrichtungen der Altenhilfe reicht es nicht aus, ältere zugewanderte
Menschen als neuen Kundenkreis zu gewinnen und dann alle Kunden gleich zu
behandeln. Eine Gleichbehandlung blendet bestehende Unterschiede aus. Eine
gleichwertige Behandlung hingegen stellt die Bedürfnisse des Einzelnen in
den Mittelpunkt.
Alle Menschen werden durch ihre Herkunft wie auch durch die Umgebung, in
der sie leben mehr oder weniger geprägt. Kultursensible Altenhilfe trägt
dazu bei, dass ältere Menschen in Würde leben können, d.h. dass sie
entsprechend ihren individuellen Werten, sozio-kulturellen und religiösen
Prägungen und Bedürfnissen in den Einrichtungen der Altenhilfe versorgt
und betreut werden. Menschen islamischen oder jüdischen Glaubens müssen
dabei z.B. eine ihrer Religion entsprechende Ernährung erhalten können,
wenn sie das möchten, sowie die Möglichkeit der Glaubensausübung. Viele
ältere Menschen sind von traumatischen Erlebnissen durch Krieg,
Verfolgung, Diskriminierung geprägt, die sich im Alter in Erinnerungen
äußern. Ein sensibler Umgang ist seitens der professionellen Helfer
erforderlich. Ältere zugewanderte Menschen (Arbeitsmigranten,
Spätaussiedler, Flüchtlinge) beherrschen oft kaum oder gar nicht die
Deutsche Sprache. Insbesondere bei Demenz verlieren sie die erworbenen
Sprachkenntnisse. Dieses muss die Altenhilfe in ihren Leistungen und
Angeboten berücksichtigen. Das Ziel der kultursensiblen Altenhilfe ist es,
die älteren Menschen zu unterstützen, ein möglichst selbst bestimmtes
Leben zu führen und bei Bedarf Leistungen der Altenhilfe in Anspruch zu
nehmen.
Kultursensible Altenhilfe erfordert von Mitarbeiter/-innen der Altenhilfe
interkulturelle Kompetenz, die es ermöglicht in interkulturellen
Begegnungen nicht die Kultur sondern die Individualität des Einzelnen zu
sehen. Die Mitarbeiter/innen der Altenhilfe benötigen dazu die
entsprechende Unterstützung der Organisation. Kultursensible Altenhilfe
lässt sich deshalb nur in Verbindung mit einer interkulturellen Öffnung
und Ausrichtung der Organisation umsetzen.
Ältere Migranten/-innen
gehören zu der am stärksten wachsenden Bevölkerungsgruppe in der
Bundesrepublik Deutschland. Leben heute fast 600.000 Migranten/-innen in
Deutschland, die 60 Jahre und älter sind, werden es im Jahr 2010 bereits
1,3 Mio. sein. Der Anteil ältere Migranten/-innen an der Gesamtzahl der
über 60 Jahre alten Menschen betrug 1996 etwa 2,5%. Im Jahr 2010 wird
dieser Anteil auf 6,5% steigen und im Jahr 2020 auf 9% (2. Zwischenbericht
Enquetekommission Demographischer Wandel, 1998). In den so genannten
Ballungsgebieten und Großstädten mit hohen Anteilen der
Migrantenbevölkerung werden bereits heute diese Anteile erreicht. So waren
1996 bereits 6% der über 55 Jahre alten Hamburger/-innen ohne deutschen
Pass (Behörde für Arbeit, Gesundheit und Soziales, Hamburg 1998, S. 6). In
Dortmund ist beispielsweise die Zahl der 60 Jahre und älteren
Migranten/-innen von 1998 bis 1999 um 10,6% gestiegen, dagegen die
Gesamtzahl der älteren Menschen nur um 1,5% im gleichen Zeitraum
(Baric-Büdel 2001, S. 52).
Ältere Migranten/-innen sind eine sehr heterogene Gruppe. Den größeren
Teil (ca. 50%) der älteren Migranten/-innen machen die so genannten
Arbeitsmigranten/-innen aus. Davon sind ca. ein Drittel türkischer
Herkunft. In den Statistiken werden allerdings ältere Zuwanderer nicht
berücksichtigt, die bereits eingebürgert wurden oder als Spätaussiedler
nach Deutschland kommen.
Bereits heute zählen sie alle zu den potenziellen Nutzer/-innen des
deutschen Altenhilfe- und Gesundheitssystems. Aufgrund von Veränderungen
in den Familienbeziehungen und –strukturen und dem hohen Anteil
Alleinstehender ist absehbar, dass ältere Zuwanderer künftig stärker auf
Dienste der Altenhilfe angewiesen sein werden (vergl. Baric-Büdel 2001;
Zwick 2002)
Die Lebenssituation
älterer Migranten/innen ist sowohl
von altersbedingten als auch von migrationsspezifischen Merkmalen
gekennzeichnet. Der Gesundheitszustand der älteren Migranten/-innen ist
wesentlich schlechter als der bei der gleichaltrigen deutschen
Bevölkerung. Das hat vor allem soziale und ökonomische Ursachen, wie
niedrigeres Einkommen und niedrigere Renten, schlechtere Wohnbedingungen,
gesundheitlich belastende Arbeitsbedingungen wie Akkord- und
Schichtarbeit, Kontakt mit chemischen Stoffen, Lärm- und Hitzebelastung,
Trennungserfahrungen, Stigmatisierung, Ausländerfeindlichkeit,
Sprachprobleme. Die sprachlichen und kulturbedingten
Verständigungsschwierigkeiten führen oft zu Fehldiagnosen und
Fehlbehandlungen im Krankenhaus oder in der Arztpraxis, die wiederum zur
Verschlechterung des Gesundheitszustandes führen.
Ein weiteres Merkmal der Lebenssituation älterer Arbeitsmigranten/-innen
ist die Rückkehrorientierung, die sich auf alle Bereiche ausgewirkt hat.
Es wurde für das Leben nach der Migration in der Heimat gespart und wenig
in das Leben hier investiert, beispielsweise kaum Deutsch gelernt.
Mittlerweile haben ältere Arbeitsmigranten/innen ihren Lebensmittelpunkt
in Deutschland. Viele pendeln, wenn sie im Ruhestand sind. Sie verbringen
eine gewisse Zeit in ihrem Heimatland und eine Zeitlang leben sie hier in
der BRD.
Kultursensible Altenhilfe sollte in allen Bereichen der Altenhilfe und
Pflege umgesetzt werden: ambulante, stationäre, teilstationäre Pflege, in
der offenen Altenhilfe wie Begegnungsstätten, Betreutes Wohnen,
Beratungs- und Informationsangebote. Aufgrund von Veränderungen in den
Familienbeziehungen und –strukturen und dem hohen Anteil Alleinstehender
ist absehbar, dass ältere Migranten/innen künftig stärker auf Dienste der
Altenhilfe angewiesen sein werden. Es gibt bereits verschiedene Ansätze in
der Praxis. In Modellprojekten wurden verschiedene Konzepte der
interkulturellen oder kultursensiblen Altenhilfe und Altenpflege erprobt.
Die Verbände streben die interkulturelle Öffnung ihrer Dienste und
Einrichtungen an.
Kosten:
Kosten entstehen für die
Fortbildung des Personals, den Zeitaufwand für die Umstellung der
Angebote, die Umgestaltung der Räumlichkeiten, Schaffung differenzierter
Angebote z.B. bei der Essensauswahl, Ausübung der Religion,
Freizeitgestaltung und sozialen Kontakten. Es ist auch mehr Zeitaufwand
erforderlich für die Kommunikation aufgrund der fehlenden oder schlechten
Deutschkenntnisse. Es sind Übersetzungen erforderlich von
Informationsmaterialien, Verträgen, Diagnosen, Angeboten etc.. Sinnvoll
ist die Beschäftigung von Mitarbeiter/innen mit Migrationshintergrund und
die Kooperation mit Migrationssozialdiensten und den Selbstorganisationen
der Migranten, um Zugangsbarrieren abzubauen und Kosten zu sparen.
Dragica Baric-Büdel, AWO Bundesverband |
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